Meine Geschichte beginnt im Mai 1970. Oder nein. Ich muss genauer sein. Sie beginnt im Spätsommer 1969 und zwar im berühmten Quartier Latin in Paris. Denn dort wurde ich gemacht.

Meine Kindheit ist geprägt von der Liebe meiner Eltern zu Frankreich. Obschon ich in Deutschland geboren wurde, und auch dort aufwuchs, so liess es sich nicht verleugnen, dass die wirkliche Heimat meiner Eltern nicht hier, im Germanischen, sondern dort, im Fränkischen lag. Alle Ferien, alle Wochenenden und auch manchen Abend mitten in der Woche verbrachten wir in Frankreich. Ein Grund hierfür war, neben dem Savoir vivre vor allem die französische Küche. Meine Eltern liebten es zu essen – und gaben mir diese Liebe weiter. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ich bis heute eine französische Speisekarte weit besser verstehe als eine deutsche. Ich kenne den Lotte, habe aber keine Ahnung, was mich erwartet, wenn man mir Seewolf servieren möchte. Ich weiss in bester Weise des Huitres zu schlürfen. Als ich dann aber eines Tages erfuhrt, dass man Austern roh isst, wurde mir schlecht. Als kleines Kind habe ich Teline gesammelt und leidenschaftlich ausgesaugt und Crevetten und Paté zu mir genommen. Shrimps waren mir jedoch immer suspekt und Leberwurst konnte ich nicht leiden.
Nun mag es logisch erscheinen, dass die Frankreichliebe meiner Eltern sich auch auf mich übertrug. Doch mitnichten. Ich liebe zwar Frankreich – ohne jeden Zweifel – doch eher als Relikt meiner Kindheit. Der Duft einer reifen Honigmelone oder der von Lavendel weckt in mir schönste Kindheitserinnerungen – führte aber nicht dazu, dass ich Romanistik studierte oder mich sonst intensiver mit Frankreich befasste. Nein. Es musste Arabisch sein. Arabisch und die Wissenschaft des Islams.

Warum weiss der Kuckkuck. Ich erzähle meinen Kunden – und wer immer es wissen möchte – immer die Geschichte, dass ich mich während des Kuwait-Krieges in einem islamischen Land aufhielt (für mehrere Monate) und dort feststellte, dass die Berichterstattung der europäischen Medien nichts mit der Realität zu tun hatte. Dass mich dies dazu brachte, hinter den Schleier schauen zu wollen und zu sehen, was sich wirklich verbirgt hinter dem Phänomen „Islam“. Das stimmt auch. Doch wenn ich weiter zurück denke, dann war es wohl eher Ali, der mich dazu brachte, Islamwissenschaft zu studieren.
Ali war ein Geschäftskollege meines Vaters. Er kam aus Ägypten und hatte zwei Frauen. Das hatte mich schon als kleines Kind fasziniert. Wie einer zwei Frauen haben kann. Und Ali sah ganz normal aus. Nicht so wie die saudischen Scheichs mit ihren Turbanen, mit denen mein Vater auch Geschäfte machte, und die er hin und wieder nach Hause brachte, wo meine Mutter sie bekochte. Nein. Ali hatte weder ein Nachthemd an, noch ein Tuch auf dem Kopf. Sondern er trug einen Anzug und einen gelben Pullunder. Er lachte auch viel und brachte mir immer Bastelsachen mit. Meine erste Papp-Lokomotive habe ich aus einem Bastelset gebaut, das Ali mir geschenkt hat. Und das vergesse ich nie. Immer war er freundlich, immer hat er mit mir gespielt. Das hat keiner der Geschäftskollegen meines Vaters. Und eigentlich auch keiner der deutschen Freunde meiner Eltern. Ich war so begesitert von der Freundlichkeit dieses Mannes, dass ich immer einen Hang zu dieser Kultur verspürt habe. Und das hat sich durch mein Leben gezogen. Und es hat sich verstärkt in den Jahren, in denen ich in Syrien lebte, später dann in Ägypten und Marokko. Während Syrien heute in Schutt und Asche liegt, was mir das Herz schier brechen lässt und Ägypten für mich ein Land mit einem großen Fragezeichen geworden ist, ein Kriegsland, das jedoch ganz aus dem europisch medialen Gesichtsfeld verschwunden ist, ist die Verbindung zu Marokko geblieben. 1999 und später 2002 habe ich dort gelebt und seitdem reise ich eigentlich jedes Jahr - manchmal, wie 2015 sogar bis zu fünf Mal pro Jahr dorthin. Grund hierfür ist natürlich vor allem die Arbeit. Aber es ist auch das Land und seine Menschen, die mich immer und immer wieder in ihren Bann ziehen - und natürlich diese unglaubliche Schönheit, die Marokko zu bieten hat. Seit 2004 muss auch immer mein kleiner - inzwischen großer - Sohn mit, was ihn manchmal fast verzweifeln lässt. Allerdings vermisst er das Reisen in Marokko auch, wenn wir mal wieder länger nicht gefahren sind - und so kann ich sagen: Ihn habe ich auch infiziert mit dem Reisevirus, speziell dem Marokkovirus, der sich fest in mein Leben eingenistet hat. Und da stehe ich heute: Infiziert, begeistert und immer noch voller Entdeckungsdrang! Und zum Glück gesegnet mit einer Arbeit, die es mir erlaubt, immer weiter zu reisen.